EINE LIEBESERKLÄRUNG AN DEN TONTRÄGER

Miss Rockester

Ein Gedanke, der mich emotional schon durch alle erdenklichen Gefühlsebenen hat rauschen lassen, ist das langsame Sterben des Musiktonträgers.

Es bricht mir mittlerweile das Herz, dieser Entwicklung nahezu hilflos beiwohnen zu müssen. Um nicht gänzlich untätig zu bleiben, habe ich mir ein Herz gefasst und eine kleine Kolumne geschrieben. Sie erhebt keinen Anspruch auf Richtigkeit oder neue Erkenntnisse, sondern ist vielmehr der Versuch, einem mir wertvollen „Kunstwerk“ wieder mehr Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Beachtung zu schenken. Ich erinnere mich noch genau, als ich meinen ersten Kassettenrecorder geschenkt bekommen habe. Unglaublich stolz auf diese technische Errungenschaft, saß ich jeden Sonntag in meinem Jugendzimmer und schnitt alle meine Lieblingslieder aus dem Radio mit. Das war jedes Mal ein spannendes Unterfangen, denn um das perfekte Mixtape zusammenzustellen, ohne Werbung oder Moderatoreneinwürfe, durfte man sich vom Radio nicht wegbewegen. All das sehr zum Leidwesen meiner Eltern, denn das sonntägliche Kaffeetrinken war immer irgendwie zeitlich unpassend.

Diese selbstaufgenommen Kassetten waren mir heilig und versüßten mir den täglichen Schulweg. Hin und wieder passierte es, dass gerade mein Lieblingstape sich aufgrund von übermäßiger Nutzung im Recorder oder Walkman verfing und ich mich mit dem sogenannten „Bandsalat“ konfrontiert sah. Dieses Bild kam damals einem Weltuntergangszenario gleich. Mit Fingerspitzengefühl versuchte ich sorgfältig jedes Mal, das verhedderte und zumeist auch verknickte Kassettenband aus der Verklemmung zu lösen und es wieder auf die Kassette zu drehen. Natürlich war so ein Zwischenfall oftmals mit Qualitätsverlusten, Abspielschwierigkeiten oder sogar dem kompletten Verlust der Kassette verbunden.

Was für eine Freude ging durch mein Herz, als ein neuer Tonträger, die „Compact Disk“, den Markt eroberte. Ein glänzende Scheibe voller Musik und nicht nur das, dazu gab es noch ein kleines Heft, das sogenannte Booklet, gefüllt mit Bildern, Liedtexten und vielen weiteren Informationen. Ich war hellauf begeistert. Endlich konnte ich die englischen Texte nachlesen, übersetzen und in Gänze verstehen. Es eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Diese buntverpackten Platten waren in meinen Augen „Juwelen“. Musik, Bild und Text bildeten eine Einheit und wie bei einem Puzzle setzte sich alles zu einem Gesamtbild zusammen. Ich hatte das Gefühl, meinen Musikidolen näher zu sein, sie besser verstehen zu können und ich lernte durch zuhören, nachlesen und nachfühlen.

Wöchentlich durchstöberte ich alle einschlägigen Musikmagazine nach den neuesten Veröffentlichungen, um bloß nichts zu verpassen. Zu dieser Zeit war ich ein riesiger „Take That“- Fan und stehe bis heute dazu. Robbie Williams war mein Favorit und als er sich von der Band trennte, hoffte ich inständig, er würde solistisch weitermachen - ich wurde erhört. Am Tag der Veröffentlichung seines Solodebuts „Life through a lens“ war ich eine der Ersten in der Karstadt Multi-Media-Abteilung. Ich kaufte mir den heißersehnten Silberling und das Gefühl, als ich mit der Scheibe in der Hand den Laden verließ, werde ich wohl nie vergessen. Es war, als hielte ich einen Schatz in meinen Händen. So habe ich über die Jahre unzählige Alben erworben und so wie bei vielen Menschen Bücherrücken Wände zieren, schmücken CD-Rücken meine.

Seit nunmehr einigen Jahren beobachte ich, wie diese physischen Tonträger immer mehr von der Bildfläche verschwinden. Verdrängt durch Streamingplattformen und Online-Portale, auf denen mit zwei bis drei Klicks eingekauft wird. Jeder kann sofort die neue Musik hören, aber hören wir sie wirklich noch? Empfinden wir immer noch dieses unbeschreibliche Glücksgefühl bei einem neuen Album, ohne etwas Echtes in den Händen zu halten? Ich denke da immer an ein Gespräch mit einem befreundeten Steinmetz, er beschreibt seine Arbeit als ungeheuer befriedigend, weil er am Ende des Tages etwas Greifbares in den Händen hält. Dieses Gefühls haben wir uns selbst beraubt. Das macht es im Umkehrschluss sicher auch für die neuen Generationen schwer, Musik als das wertzuschätzen, was sie eigentlich ist.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Musik gehandelt wird, wie eine Aktie an der Börse. Sie existiert fast ausschließlich im virtuellen Raum. Musik ist flüchtig geworden, ihr Konsum rasant, maßlos und ihres wahren Wertes beraubt. Sollten all diese Streamingdienste mal versagen oder abgeschaltet werden, wer kann dann noch auf die Musik seiner Lieblingskünstler zurückgreifen? Versteht mich nicht falsch, ich bin kein Gegner dieser neuen Medien und Möglichkeiten. Ich ziehe selber meinen Nutzen daraus. Es ist beispielsweise viel leichter, neue Musik zu entdecken oder sich die passende Musik für eine Gefühlsstimmung zu suchen und dadurch neue Künstler kennenzulernen. Das mache ich auch, aber das sollte und darf nicht alles sein. Gibt es einen Weg der friedlichen Co-Existenz beider Formen? Ich bin in jedem Fall dafür, es zu versuchen.

Es sagt sich leicht: „Ach die Jugend von heute, sie schätzt überhaupt nichts mehr wert“. So einfach ist das glaube ich nicht. Ich bin mit all diesen Dingen aufgewachsen, verbinde Erinnerungen damit und habe deshalb einen so engen Bezug dazu. Heutzutage wachsen die Kids fast ohne physische Tonträger auf, bis auf Vinyl vielleicht. Vinyl erlebt ja gerade wieder ein Revival, nicht zuletzt, weil es schon lange Kult ist. Unzählige Plattencover, wie beispielsweise „Abbey Road“ von den Beatles oder „The dark side of the moon“ von Pink Floyd, werden mittlerweile als „Kunstwerke“ in Galerien weltweit ausgestellt. Was mich zu meinem wichtigsten gedanklichen Punkt führt:

Was ist die eigentliche Kreation eines Musikers? Ja, die Antwort liegt auf der Hand: Es ist die Musik und die Form, in der sie optisch und inhaltlich vorliegt. Somit muss es jeder/m Musiker*in im Herzen weh tun, wenn Geld für ein T-Shirt des Künstlers ausgegeben wird, aber nicht für seine Musik. Ich bin doch kein Hersteller für Oberbekleidung, sondern Musikerin. Warum ist der Wert des eigentlichen Produktes so gesunken? Warum wird überall damit geworben: Stell deine Musik kostenlos zur Verfügung, damit du gehört wirst und dann kannst du ja über Handtücher, T-Shirts, Tassen und allen möglichen anderen Kram, der deinem Namen trägt, Geld verdienen, vorausgesetzt, du bekommst dich als Marke etabliert.

Wenn nicht, Pech gehabt. Auch wenn du ihnen kostenlos dein Herz und deine Seele geschenkt hast, kann am Ende Nichtachtung und kein Geld dein Lohn sein, was viele Künstler*innen natürlich in ernsthafte Sinnkrisen bis hin zu Depressionen stürzt. Im Allgemeinen eine schwierige Situation, denn das was mit der Musik geschieht, passiert auch an vielen anderen Stellen. Ich möchte als Künstlerin nicht herumrudern, mich um tausend Nebensächlichkeiten kümmern und meine eigentliche Passion: das Musik machen, dabei verlieren, weil ich auf virtuellen Schauplätzen aktiv sein muss, die in Wirklichkeit kaum Platz für Kunst und echte Inhalte bieten.

Vielleicht ist ja das „Comeback“ des Vinyls ein kleiner Lichtblick in Richtung Wertschätzung des Gesamtkunstwerkes. Und vielleicht sollten wir uns an das Gefühl erinnern, wie es ist, sich auf etwas zu freuen und es nicht einfach nur nebenbei zu konsumieren. Ich für meinen Teil werde weiter am Kauf von CDs und Schallplatten festhalten, da mich das Gesamtkunstwerk interessiert und ich erfühlen und erspüren möchte, was es mit mir macht. Es liegt definitiv an uns als Gesellschaft, diese Wertschätzung wieder zu vermitteln, auch im schulischen Musikunterricht, warum nicht. Ansatzpunkte und Möglichkeiten gibt es unendlich viele und ich hoffe, dass meine Gedanken einen kleinen Anstoß dazu geben können. Sie sind kein blinder Schrei nach Gerechtigkeit, sondern vielmehr ein liebevoller Blick auf das, was war, ist und vielleicht sein könnte. Tonträger dürfen keine Museumstücke werden, sondern es sollten die kleinen Kunstschätze im Leben eines jeden bleiben.